Capoeira

Capoeira mit Thiago Padovani

 

 

Thiago versteht Capoeira als eine freie Kultur, als ein Instrument der Zusammenführung, dass jede Ungleichheit überwinden kann. Capoeira versteht reine körperliche Kraft nicht als entscheidend, sondern das Gleichgewicht aus Kraft und Intelligenz, wobei es nicht auf Konkurrenz basiert, sondern dem Wunsch zusammen zu führen. Es trennt nicht, sondern nimmt auf. Thiago ist der Ansicht, dass keine Schwäche größer ist als die Fähigkeit diese zu überwinden, sei sie physisch oder emotional, ideologisch oder spirituell. So ist Capoeira für Thiago ein Instrument der Bewältigung und des Wachstums, lehrend und lernend.

 

 

Im Alter von 6 Jahren begleitete Thiago seinen Vater auf Reisen in den Recôncavo Baiano und begann Capoeira zu trainieren. In den Straßen der Stadt Santo Amaro spielte er mit anderen Kindern bis tief in die Nacht Capoeira, in ihrer reinsten Form, ohne Gruppe, ohne Flagge, weder Angola noch Regional – einfach Capoeira. So wurde sein Leben von Anfang an von dieser afrobrasilianischenKampfkunst geprägt geprägt. Als Jugendlicher, kehrte Thiago in seine Heimatstadt Belo Horizonte zurück und trat der Capoeira Gruppe Cordão de Ouro bei. Dort sammelte er auch seine ersten Erfahrungen als Capoeira Lehrer und gründete schließlich seine eigene Gruppe: Um seine Unterrichtsmethoden zu verbessern, absolvierte Thiago schließlich ein Studium der Sportpädagogik mit Schwerpunkt Sportphysiologie. Dies ermöglichte ihm sein Wissen über Körper und Geist, besonders beim Capoeira passiert, weiter zu schulen und in seinen Unterricht einfließen zu lassen.

2014 zog Thiago schließlich nach Hamburg, wo er eine neue Cordão de Ouro Gruppe gründete. Dort lehrt er Capoeira nach der Philosophie von Mestre Suassuna, dem Begründer von Cordão de Ouro. Die Trainings sind bestimmt von körperlicher Praxis, Musikalität (Instrumente spielen, Gesänge und besonders Rhythmus) sowie Geschichte und Fundament der Capoeira.

 

 


 dienstags

19:00 - 20:30

19:00 - 19:30 (Offene Capoeira Runde)

für Jugendliche + Erwachsene


 



 

Capoeira als Weltkulturerbe anerkannt, aber was ist Capoeira eigentlich?

 

Im November letzten Jahres hat die UNESCO das afro-brasilianische Kampfspiel in die Liste der immateriellen Weltkulturgüter aufgenommen. Wie es sich gehört, feierten Capoeiristas in ganz Brasilien die Entscheidung mit Musik und virtuosen Tänzen. Diese Anerkennung ist ein großer Erfolg, doch was ist Capoeira eigentlich? Und warum ist die Capoeira in Brasilien heute nach dem Fußball die beliebteste Sportart?

Die Praktiken der Capoeira werden gewöhnlich mit dem Ausdruck jogo guerreiro bezeichnet, also Kampf- bzw. Kriegsspiel. Das gibt einen Hinweis darauf, dass das Tänzerische weniger im Vordergrund steht als das Spielerische und das Moment des Kampfes. Die Ursprünge liegen im Dunklen, aber sicher ist, dass seit rund 300 Jahren die aus Westafrika in die Neue Welt verschleppten Sklaven ihre eigenen Tanz- und Bewegungsformen mitbrachten, aus denen die heutige Capoeira erst im Zuge von stetigen Variationen und Verwandlungen hervorging. Insofern ist die Capoeira als Eigenschöpfung der versklavten schwarzen Bevölkerung zu verstehen, an der über mehrere Jahrhunderte und in ganz verschiedenen lokalen Kontexten „herumgebastelt“ wurde. Recife, Salvador und Rio de Janeiro waren die Zentren, in denen dies in der Zeit des Kolonialismus geschah.

Als ein rituell geformtes Spiel mit gemeinsam geteilten Regeln hat sich die Capoeira (wörtlich übersetzt: „Hahnentanz“) aus überlieferten Wettkampfpraktiken herausgebildet, die ursprünglich im Umfeld der Plantagen bei den versklavten Arbeitern verbreitet waren. Zum Teil auch mit riskanten Praktiken ausgestattet und allein mündlich überliefert, war sie eine rituelle Kampftechnik, die als Geschicklichkeits-Training diente und bei jungen Männern im Gefangenendasein der Sklaverei Sinn und große Bedeutung bekam. Lange Zeit wurde die Capoeira nur im Verborgenen vom "Mestre" (Meister) an seine Schüler weitergegeben, da die brasilianische Herrschaft alle, also sowohl die kämpferischen wie die spielerischen Formen dieses Tanzes verbot. Insofern bringt Capoeira das Ringen der Sklaven um ihre Befreiung zum Ausdruck, urteilte die Jury der UNESCO jetzt.

Heute ist die vorherrschende Form der Capoeira eine Mischform aus spielerischen Kampfandeutungen mit akrobatischen Komponenten, rhythmischen Bewegungen und geschickter Vermeidung echter Berührungen. Die Tänzer werden mindestens vom Klang des "Berimbau" begleitet, eines Musikbogens mit einer Kalebasse (der ausgehöhlten und getrockneten Hülle eines Flaschenkürbisses) als Resonanzkörper. Auch eine voluminöse Atabaque-Fasstrommel, eine Agogô-Doppelglocke und zwei Schellentamburine (Pandeiros) können die spielerischen Bewegungen begleiten oder anleiten. Hinzu kommen Gesänge, vor allem Lobgesänge. Heute wird an einer Fülle von brasilianischen Schulen und Akademien die Kunst der Capoeira gelehrt, performt wird sie aber an vielen Orten, selbstverständlich auch auf Straßen und Plätzen. Das war nicht immer so und dahinter steht eine dramatische Geschichte.

„Auf den Straßen und öffentlichen Plätzen Übungen zur körperlichen Gewandtheit und Geschicklichkeit auszuführen, die als capoeiragem bekannt sind“, wird mit „zwei bis sechs Wochen Gefängnis“ bestraft. So stand es im brasilianischen Strafgesetzbuch von 1890. Anführer bekommen die doppelte Strafe, bei Wiederholungstätern steigen die Strafen weiter. Der Jurist José Duarte erinnerte  sich ein halbes Jahrhundert später – und da war das Gesetz noch immer in Kraft - wie sich viele capoeiristas, „die Peinigung in ihren Kerkern vergessend“, in den hafennahen Straßen und Gassen von Rio trafen. Sie übten sich öffentlich in „Spielen der körperlichen Wendigkeit und Geschicklichkeit, zum großen Gaudi (gáudio) der Schiffsleute und Matrosen, die dabei standen und in Wolken des Tabaks und des Alkoholgeruchs eingehüllt genüsslich dieses Vergnügen würdigten.“ Körpertraining, Angriff, Verteidigung und Wettstreit standen im Vordergrund. Ob mit der Technik des Kopfstoßes oder gar dem virtuos kontrollierten Einsatz der Rasierklinge gegeneinander - mit ihren Geschicklichkeitskämpfen forderten sie Polizei und Gesetz offen heraus.

Aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es mehrere Berichte über Tanzkämpfe, die ausgesprochen aggressiv und blutig ausgetragen wurden, und in städtischen Zentren wie Salvador und Rio de Janeiro begann die Polizei, Capoeira zu unterdrücken. Der Jurist José Duarte erinnert sich weiter an die capoeiristas am Ausgang des 19. Jahrhunderts, dass die Geschicklichkeit sich nicht nur im Angreifen ausdrückte, sondern auch im Ausweichen, in einer komplizierten und für den Betrachter atemberaubenden Folge von Bewegungen und Sprüngen. Dazu erklangen mindestens ein Musikbogen (berimbau) und diverse Perkussionsinstrumente. Capoeira verband damals so Gegensätzliches wie echten Kampf und tänzerische Andeutung, Gewalt und Ästhetik, Spiel und tödlichen Ernst, Ritual und Spontaneität, eingeübte Technik und Bewegungsimprovisation, Magie und Realitätssinn. In dieser Szenerie erlangten die Anführer dieser Treffen, darunter veritable „Bösewichte“, sogar enormes Prestige. Und um die Wende zum 20. Jahrhundert existierten in Rio rivalisierende Gruppen, die von Politikern dafür bezahlt wurden, ihre Gegner massiv einzuschüchtern.

Im Verlauf von mehreren Jahrzehnten wurden die rabiaten, besonders gefährlichen Kampfmethoden innerhalb der Capoeira-Praxis zurückgedrängt, wofür in erster Linie das beharrliche Einschreiten der Polizei verantwortlich gewesen sein dürfte. Bereits in den 1920er Jahren hatte sich etwa in Bahia die heute geradezu selbstverständliche Tendenz deutlich durchgesetzt, die Capoeira radikal „abzurüsten“ und auch schrittweise zu institutionalisieren, um ihr als eine Form der Folklore und des Sports öffentliche Anerkennung zu verschaffen. Die älteren, riskanteren Formen, capoeira regional genannt, verloren an Bedeutung, die Praxis der Capoeira de Angola trat in den Vordergrund. Die erste Capoeira-Akademie wurde 1932 in Salvador mit dem Ziel gegründet, ein Zentrum für Lehre und Übung einer Capoeira-Form mit stark reglementiertem Charakter einzurichten. 1936 erkannte die Regierung von Bahia diese Sportart offiziell an, und bald fand in ganz Brasilien die neue, unbedingt gewaltsublimierende Form der Capoeira de Angola regen Zulauf. Es bildeten sich weitere academias in den großen Städten Brasiliens. Während der Gesetzgeber die Tanzkämpfe der Capoeira im öffentlichen Raum noch immer verbot, forcierte ihre Anerkennung als populäre Tradition und legitime sportive Praxis zugleich einen Schub der „Verhäuslichung“ der Capoeira. Mit ihr wird die Capoeira zum Instrument auch der Pädagogik.

"Das Leben und die Liebe sind ein ständiger Kampftanz, der hohe Ansprüche an die Flugkunst der Menschen stellt. Capoeira lehrt, diesen Tanzkampf anzunehmen." (Piero Onori, Körperhistoriker und Philosoph)

Bei allen Formen der Capoeira, ob mit einer harten Kampfhaltung (jogo duro) oder eher mit pädagogischem Ethos, werden die Eingangsbewegungen zu den Übungen sehr nahe am Boden und wie in Zeitlupe ausgeführt, was eine schwierige und kunstvoll auszuführende Anstrengung erfordert. Hinter den trainierten Körpern der capoeiristas, den Bewegungen und den Klängen der Instrumente verbirgt sich weit mehr als ein oberflächlicher Blick freizulegen vermag. Die moderne Form der Capoeira, bei welcher die elegant im Zeitlupentempo vollzogenen Bewegungen unbedingt das Gegenüber schonen müssen, erlaubt keinen Angriff, der sich letztlich nicht in spielerischer Andeutung und virtuoser Vermeidung jeglicher Berührung beider Körper auflöst. Es bedarf enormer Kunstfertigkeit im Umgang mit den eigenen Körperbewegungen, zumal sich im steigernden Rhythmus der in Fahrt kommenden Perkussionsinstrumente die Bewegungen der capoeiristas kontinuierlich beschleunigen. Gemessen an der Geschichte der Capoeira, erhalten wir in der Moderne ein modifiziertes Bild der Capoeira: Bei den extrem selbstkontrolliert und anfangs verlangsamt ausgeführten Bewegungen der Capoeira de Angola trägt besonders das virtuose Wiegen des Körpers zur Musik dazu bei, alle Bewegungen, „Stöße“ oder Verteidigungen mit einem unbedingten Respekt vor der Unversehrtheit des Gegenübers auszuführen. „Das abendländische, dualistische Denken hat Mühe, Capoeira einzuordnen, logisch zu begreifen, und auch europäisches Empfinden tut sich schwer mit dem brasilianischen Kampftanz, prallen hier doch Welten aufeinander, die der herkömmliche Schönheitssinn säuberlich zu trennen pflegt“, schreibt der auch als Musikethnologe bekannte Philosoph Piero Onori in seinem Buch „Sprechende Körper“.

Bildquellen belegen, dass bereits im 19. Jh. das Capoeiraspiel musikalisch begleitet wurde. Überlieferte mündliche Traditionen enthalten auch genug Hinweise, um – neben dem offensichtlichen Erlernen von Selbstverteidigungstechniken - von einer gleichsam pädagogisch geprägten Komponente der frühen bekannten Capoeiraformen im Recôncavo sprechen zu können. „Danach stellt Capoeira eine Art Initiation für junge Männer dar, denen die Tradition der rituellen afrikanischen Initiation im katholisch geprägten Sklavendasein abhandengekommen war“, schreibt Tiago de Oliveira Pinto in seiner Studie über „Capoeira Samba Candomblé“. Die spärlichen Bildquellen überliefern dementsprechend eher gesellige Szenerien, gruppiert um einen spielerischen Wettstreit und keineswegs dramatische Auseinandersetzungen. Typisch scheint die Gelassenheit der Betrachter*innen in diesen Szenen, in denen die Wettkampfspiele von Musik begleitet oder von einer Pfeife rauchenden Frau beobachtet werden, während eine andere Frau ihre in Palmöl frittierten Bohnenbällchen acarajé seelenruhig umwendet.

Unabhängig von der Unterscheidung, ob eine Capoeira von Musik begleitet wurde oder nicht, ob es sich um einen harten Kampf oder ein virtuoses Wettspiel mit höchst kontrollierten und virtuosen Körperbewegungen handelte, die Capoeira fand damals wegen ihres amtlichen Verbots gewöhnlich im Verborgenen, d.h. außerhalb der Stadt, hinter einer Mauer oder auf versteckten Plätzchen in der Natur statt. Die musikalische Begleitung dieser Ereignisse mit einem oder auch mehreren Musikbogen berimbau und insbesondere das rhythmische Pattern (Cavalaria) hatte daher auch eine Doppelfunktion: Sie diente nicht allein zur Koordinierung der Körperbewegungen, sondern auch als Warnsignal, sollte sich tatsächlich eine cavalaria, die berittene Polizei nähern. So konnte ein Wettstreit oder ein Kampf rechtzeitig als ein harmlos anmutendes Spiel unter Freunden uminszeniert werden.

Die wenigen Quellen, die wir heute für diese verborgene Geschichte besitzen, lassen es also  immerhin zu, von zwei verschiedenen Polen in der Entwicklung der Capoeira zu sprechen: Da ist die aggressive, als Selbsterhaltungstechnik eingeübte und in Konfliktsituationen effektiv eingesetzte Form einerseits, und die stärker durch spielerische, rituelle Virtuosität und Aggressionshemmung charakterisierte andere Form. Beide gelten heute als Ausdruck von antikolonialer Widerständigkeit der unterdrückten schwarzen Bevölkerung – egal ob als Sklaven oder bereits Befreite. Das Moment der brutalen Unterdrückung und Missachtung ist so tief eingeschrieben in Gedächtnis, Lebensweise und Kultur der afro-brasilianischen Bevölkerung, dass ihre sämtlichen kulturellen Praktiken mit dieser existenziellen Erfahrung vermittelt waren. Die heute praktizierten Formen der modernen Capoeira stehen klar in der Tradition der schrittweisen Bändigung von Gewalt und körperlichem Risiko.

 „Die Capoeira mag als Kampf entstanden und als Tanz getarnt worden seien, heute ist sie vor allem ein Spiel, das neben der physischen Kondition auch Rhythmus und Musik, demokratische Teilhabe und das Sozialverhalten einer gleichberechtigten Sportgemeinschaft verbindet. Gerade bei jungen Menschen, die ihren Weg noch suchen, beobachte ich immer wieder, dass Capoeira maßgeblich zum Reifen ihrer Selbstsicherheit beiträgt“, sagt der Capoeira-Lehrer Luiz Carlos dos Santos Gomes Sobrinho. Vielleicht auch deswegen betrachtet die brasilianische Kulturministerin Ana Cristina Wanzeler die Anerkennung durch die UNESCO als großen Erfolg für die brasilianische Kultur: „Capoeira hat afrikanische Wurzeln, die immer bedeutsamer für uns werden." Mit zunehmender Globalisierung wurde die Capoeira in den 1980er Jahren zu einem brasilianischen Exportschlager, der mittlerweile in der ganzen Welt praktiziert wird. Zwar wurde bereits 2008 Capoeira in Brasilien als nationales Kulturerbe anerkannt, aber erst jetzt kommt der Titel "Kulturerbe der Menschheit" hinzu, um den man sich schon lange beworben hatte.

Gemessen an der Tradition, sind in der heutigen pädagogischen Arbeit mit Kindern eine Reihe von weiteren Komponenten fest in die Capoeira-Kurse verwoben worden. Neben dem selbstverständlichen Einsatz des Musikbogens berimbau und verschiedener Perkussionsinstrumente kommt nun das Geschichtenerzählen durch die Lehrerin oder den Lehrer, das Weiterphantasieren von Geschichten mit dem eigenen Körper oder die Imitation von Tierbewegungen hinzu.

Im Forum Brasil wird die moderne, pädagogische Capoeira-Form gepflegt und von den Kindern geliebt, egal ob sie 3, 6 oder 11 Jahre jung sind: „Am besten finde ich, wenn M. (die Lehrerin) Geschichten erzählt und wir uns dann so ähnlich bewegen wie die Tiere, von denen sie erzählt hat“, sagt die kleine Marie. „Meine Tochter kennt bisher nur einen Wochentag mit Namen, und zwar den Montag, denn das ist der Capoeira-Tag“, sagt eine Mutter. Der junge Stefan meint: „Wenn die Geschichten toll sind, macht es richtig Spaß, danach zu was zu turnen, was in den Geschichten vorkam…“ Beeindruckend ist die intensive Aufmerksamkeit, mit der die Kinder die körperlichen Bewegungen beobachten, die ihnen die Lehrer*innen zeigen. und die Lust, mit der sie sie wiederholen wollen. Bewegungskoordination, Musikalität, Motorik, Sprechen, Phantasie, gemeinsame Regeln im Umgang miteinander – alles wird leichtfüßig eingeübt. Die oben von dos Santos Gomes erwähnte Selbstsicherheit, sie verdankt sich dem spielerischen Einüben ins Gelingen und dem sozialen Miteinander.